„30 Jahre Mauerfall“ Geschichte vor Ort

Im Rahmen des klassenübergreifenden Projektes „30 Jahre Mauerfall“ erfuhren die Schülerinnen und Schüler der Abiturklassen und der Q1c am 18./19.November die verschiedenen Facetten einer entscheidenden Phase der deutschen Geschichte. Unterstützt wurde das Projekt unter anderem von der Kreissparkasse.

Vor Ort an der ehemaligen innerdeutschen Grenze im Grenzhaus in Schlagsdorf, informierten Zeitzeugen/Experten aus der ehemaligen DDR sowie aus der alten BRD die Schüler und Schülerinnen in fachkundigen Vorträgen über „das“ Leben mit und an der Grenze, über die Grenzanlagen, den Dienst an der Grenze in Ost und West und über Fluchtversuche.

Vor Ort, genau dort, wo die Mauer vor 30 Jahren geöffnet wurde, hat damals ein Mann seinen Dienst versehen, der in den Fokus der Geschichte gerückt ist, weil er zur richtigen Zeit das Richtige getan hat. Herr Harald Jäger hat in jener Nacht als diensthabender Oberstleutnant an der Grenzübergangsstelle und Leiter des Pass- und Meldewesens an der Bornholmer Straße in Berlin die Mauer in der Nacht vom 9.11.89 auf den 10.11.89 als Erster geöffnet.

Durch eine geschickte und zugleich sehr einfühlsame Fragestellung gelang es Herrn Lothar Obst, der das Projekt maßgeblich begleitete und das Interview mit Herrn Harald Jäger führte, die vielschichtigen Konflikte in einer einmaligen historischen Situation anschaulich für die Zuhörerschaft zu verdeutlichen.

Vor 130 Schülerinnen und Schülern, Herrn Bürgermeister Wiegels und zahlreichen Lehrern erzählte Oberstleutnant a.D. Harald Jäger anschaulich, wie er vom Kind eines nach dem 2.Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft zum Sozialismus konvertierten Vaters selber – wie der Vater auch - zum überzeugten Grenzsoldaten der DDR und damit zum Bediensteten der Staatssicherheit wurde. Eindrucksvoll schilderte er die Nacht vom 9. auf den 10. November an der Bornholmer Straße als Leiter der Grenzübergangsstelle. Überrumpelt von der Situation, völlig auf sich alleingestellt, denn Befehle von „oben“ habe es nicht gegeben, entschied er sich zwischen den Alternativen „schießen“ oder „die Grenze zu öffnen“ für die menschliche Handlungsmöglichkeit: er öffnete die Grenze.

Mit der Wiedervereinigung wurde Herr Jäger arbeitslos, übernahm mehrere Jobs, letztlich den des Wachmanns, das habe er wenigstens gekonnt, bemerkte er in sich ruhend. Rückblickend betrachtet Harald Jäger diese zurückliegenden 30 Jahre seines Lebens als eine vielleicht „gerechte Strafe“ für die anderen 28 Jahre zuvor (an der Grenze). Nach einem Ratschlag für die junge Zuhörerschaft gefragt, gab Harald Jäger noch folgenden Rat zum Abschluss mit auf den Weg: seid nicht zu bequem, sondern schaut hin, hinterfragt und handelt, wenn etwas gegen Menschenrecht und Menschlichkeit verstößt!

Dass die Geschichte facettenreich ist, ein Lebensweg nicht immer gradlinig verläuft, Geschichte unser Leben beeinflusst und wir diese aber auch beeinflussen können, das hat die Zuhörerschaft an diesem Nachmittag hautnah miterlebt. Und noch etwas konnte man mit auf den Weg nehmen. So schrieb mir ein Zuhörer:

„Das Interview ist nach meiner Einschätzung zu einer eindrucksvollen Werbung für die pluralistische Demokratie geworden.

Ich dachte während des Interviews häufig an Immanuel Kants Ausführungen zur Frage "Was ist Aufklärung?" mit der Schlussfolgerung "Sapere aude!" - "Habe Mut, Dich deines eigenen Verstandes zu bedienen".

 

(Sibylle Witting, Fachleitung Geschichte)

 

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