Abiturentlassungsfeier mit Poetry Slam

"Springen"

Es ist Sommer. Du fühlst wie die warme Sommerluft um deine Nase weht. Die Sonne scheint warm auf deinen Rücken, auf deinen Nacken. Du riechst Freibad und Sonnencreme und du hast Angst, weil du auf dem 5 Meter Turm stehst und du da runterspringen möchtest, aber du hast dich gerade umentschieden, denn von hier oben sehen fünf Meter aus wie tausend. Als du unten warst, hast du noch gesagt: „Klar schaffe ich das. Ich muss ja einfach nur springen“. Doch nun stehst du oben und hast Angst. Du schaust runter auf das blaue Freibadwasser. Gut. In Ordnung, du musst einfach nur springen, was soll passieren. Was passieren soll, fragst du dich und dann kommen dir tausend schlimme Gedanken. Was, wenn du einen Bauchklatscher machst. Das tut weh und dann lachen dich alle aus. Was, wenn du das Gefühl vom Springen hasst. Dann hast du Angst für den Rest deines Lebens und wachst noch in Jahren schreiend aus dem Schlaf auf, weil du Angst hast vorm Fallen. Was, wenn du einfach ertrinkst? Unsinn, sagst du dir. Es sind doch schon so viele vor mit von diesem Turm gesprungen und alle leben sie noch. Auch in der Zeitung hast du selten von Menschen gelesen, die beim Sprung vom 5-Meter-Turm gestorben sind. Deine Freunde hinter dir, die schon tausendmal gesprungen sind, machen es auch nicht besser. Sie reden dir gut zu und sagen, du müsstest einfach nur springen. Gott, du weißt es doch selbst! Du musst einfach nur springen. Spring doch einfach. Und trotzdem zittern deine Beine, dein Herz schlägt Achterbahn und du kannst es einfach nicht. Du musst doch einfach nur springen.

Es ist Nacht. Du fühlst das Bier in deinem Blut, das du getrunken hast, um den Mut aufzubringen, es ihr zu sagen. Seit Wochen schaust du sie an mit deinen strahlenden Blicken. Seit Wochen diese Schmetterlinge im Bauch, die dich leicht machen. Jetzt sitzt du hier mit ihr in dieser gottverdammten Nacht und du hast Angst, weil du ihr sagen willst, wie sehr du sie liebst, aber du hast dich gerade umentschieden, denn die drei magischen Worte kommen dir auf einmal wie die gesamte „Herr der Ringe“-Trilogie auf Französisch vor; unmöglich für dich auszusprechen. Doch nun bist du hier mit ihr und hast Angst. Als du mit deinen Freunden zusammen warst, hast du noch gesagt: „Wie schwer kann das schon sein? Ich sage es ihr einfach. Einfach so heraus.“ Du schaust in ihre Augen, diese wunderschönen Augen, und fragst dich, was soll schon passieren? Gut. In Ordnung, meine Güte, jetzt sag es doch einfach, wie schwer kann das schon sein, was soll passieren? Was passieren soll, fragst du dich? Sie könnte dich auslachen oder dich in die Friendzone verbannen, auf ewig. Und dann könnte dein Herz für immer an diesem Menschen hängen, weil sie deine große Liebe ist und man so etwas eben nur einmal im Leben findet. Dann bist du für den Rest deines Lebens der unglücklichste Mensch auf diesem Planeten. Unsinn, sagst du dir. Auch deine Eltern und Großeltern haben dir von ihren Jugendlieben erzählt und nun sind sie doch glücklich verheiratet. Dein Handy, dass in deiner Hosentasche vibriert, weil deine Freunde dir schreiben, die wissen wollen, wie es läuft, machen es auch nicht besser. Sie werden gefragt haben, ob du es einfach gesagt hast. Und verdammt nochmal, du weißt es doch selbst! Du musst es einfach nur sagen! Sag es doch einfach! Sag es doch einfach! Und trotzdem zittern deine Beine, dein Herz schlägt Achterbahn und du kannst es einfach nicht. Du musst doch einfach nur sagen „Ich liebe dich!“.

Es ist Morgen. Du fühlst die kalte Luft, die durch die offene Sporthallentür in deine Richtung weht. Dir wäre kalt, wenn du nicht damit beschäftigt wärst, Angst zu haben. Man kann es nicht umschreiben, du hast Angst. Damals in der fünften Klasse hast du noch gesagt: „Klar schreibe ich mein Abitur. Das schaffe ich garantiert.“ Und plötzlich, nicht mal einen Augenschlag später sitzt du hier und musst diese Klausur schreiben. Fang doch einfach an, du hast gut gelernt. Fang einfach an, was soll schon passieren? Was passieren soll? Du könntest diese Klausur glorreich verkacken. Dann schaffst du dein Abitur nicht. Dann sind alle enttäuscht - deinetwegen und du wirst deines Lebens nicht mehr froh. Ohne Abitur kein Studium, ohne Studium kein guter Job, ohne guten Job sozialer Abstieg, bis du irgendwann obdachlos unter einer Brücke sitzt. Unsinn. Das weißt du selbst. Noch niemand ist so geendet, weil er sein Abitur nicht geschafft hat. Und selbst wenn, du hast doch gelernt, was soll passieren. Deine Klassenkameraden um dich rum, die schon akribisch schreiben, machen es auch nicht besser. „Fang an“ schreiben sie mit ihren Stiften. FANG EINFACH AN. Und verdammte Scheiße, du weißt es doch selbst. Du musst einfach nur anfangen, ja, einfach anfangen, einfach los. Und trotzdem zittern deine Beine und dein Herz schlägt Achterbahn und du kannst es einfach nicht. Du musst doch einfach nur schreiben.

Aber jetzt mal im Ernst. Was soll schon passieren? Was passiert denn, wenn du dein Abitur nicht schaffst? Klar, blöd, aber davon geht die Welt nicht unter. Was passiert denn, wenn sie nicht sagt: „ich liebe dich auch“. Auch das ist blöd, aber auch davon geht die Welt nicht unter. Du hast ja deine Freunde, die dir helfen, die dir Mut machen und dich trösten, wenn vielleicht nicht die Welt, aber deine Welt untergeht. Du hast diese Freunde, die hinter dir auf dem 5-Meter-Turm stehen und aufpassen, dass nichts passiert. Du hast den Bademeister, der dich rettet, wenn du drohst zu ertrinken, und die wichtigste Sache vergisst du noch dabei: Du kannst doch schwimmen. Es passiert erstaunlich oft, dass wir springen müssen. Man hat den ganzen Weg eigentlich schon hinter sich, doch dann kommt der Sprung und man fühlt sich wieder wie mit 10 Jahren auf dem 5-Meter-Turm.

Und wenn du diese Klausur bestanden hast, wenn du gesagt hast, ich liebe dich, ja wenn du gesprungen bist, dann hast du es geschafft. Du bist stolz auf dich und auf diese Erfahrung, deine Freunde freuen sich für dich. Und eigentlich, möchtest du gleich nochmal.

Marieke Kroll, Q2b

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